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Die Bilder der Kindheit kehren zurück
Viele Jahre sind vergangen, man prüft seine Festplatte, und da war doch noch was. Einiges bekommt man in die Reihe, vieles verblasst.
Was ich noch fotografisch, natürlich in Farbe vor mir sehe, sind die Bilder einer Gärtnerei meiner Kindheit.
Zur Erläuterung: ich wurde als Gärtner geboren, außer nebensächlichen Interessen habe ich mich nur für diese Sache interessiert, nun stehe ich vor meinen Tillandsien und komme ins Grübeln.
Es war wohl 1958, also tiefste DDR-Zeit, mit allen damals vorherrschenden Problemen. Aber – und das ist es, es gab nicht nur die politische Auseinandersetzung, die Aufarbeitung der Vergangenheit, den nächsten Parteitag, oder das Butterkontingent. Es wuchs eine neue Generation heran, und die hatte auch Interessen.
Da stand eines Tages in der damaligen „Sächsischen Zeitung“, Ausgabe Löbau, dass in Löbau ein Gärtner gegen Abgabe von Citrussämlingen – er hatte das sicher anders formuliert – veredelte Zierorangen zu verkaufen habe. Ich weis es noch wie heute, von einem öffentlichen Fernsprecher habe ich mit meinen 10 Lebensjahren dort angerufen, und solch eine Pflanze geordert.
Dann bin ich mit dem Zug die Strecke nach Löbau gefahren, und es muss ein Spätsommertag gewesen sein, dort in seiner Gärtnerei angekommen.
Das war tatsächlich eine andere Welt. Das habe ich schon damals begriffen. Was ich auch begriffen hatte war die Fragestellung: Wo bekommt man das alles her.
Durch ein Tor betrat man die andere Welt. Neben den Wohn- und anderen Gebäuden war eine große offene Fläche, dahinter Gewächshäuser. An einer großen Pergola hingen Flaschenkürbisse. Das war etwas exotisches, was man in Natura noch nicht gesehen hatte. Dann saß dort ein Rhesusaffe, ruhig und gelassen auf seinem Ast, Ipomea blühten in reinem Blau. Karl Förster hätte seine Freude gehabt, obwohl ihm Festuca mehr lag.
Dann bekam ich eine Führung durch die Gewächshäuser. Herr Mayh veredelte Citrussämlinge, so wie seine Anzeige es sagte. Die Fertigware stand in einem gesonderten Gewächshaus und blühte und fruchtete, vor allem es duftete. Das war ein Standbein seiner Gärtnerei. Ein weiteres war ein ganz anderes. Es war die Produktion von Orangen und Ananas. Für den Interessierten: das ist der Link zu den Bromeliaceen. Auch Bananen und Kaffee wurden angebaut.
Gärtner Mayh nutzte damals die Abwärme eines großen Textilbetriebes in Löbau. Im Gegenzug verkaufte er seine Produkte in diesem Betrieb. Sicher wurde der Bedarf nicht gedeckt, aber es war eine durchaus interessante Kooperation zwischen Industrie und Gartenbau.
In einem Gewächshaus standen, wenn man so will feldmäßig angebaut Ananas, also Ananas comosus. Welche Sorte, Herkunft usw. das war, war gegenstandslos. Sie wuchsen dort bis zur Ernte heran. Dann begann das Verfahren von vorn.
Heute würde man schlau sagen: er hatte eine Nische gefunden, er war schlau, ein Meister seines Faches, so kommt man an der Politik vorbei. Nischt war – er war ein richtiger Gärtner, dem sein Fach Spaß und Erfüllung brachte.
Mit meinem neuen Wissen, einer kleinen blühenden Orangenpflanze und einem Blick in die gärtnerische Zukunft, bin ich dann nach Hause gereist.
Kurze Zeit lebte die Orange gut, dann kamen die Schildläuse, dann das Ende.
Das war mein erster Ausflug zu den Bromeliaceen, vorbei an den Citrusgewächsen.
Oswald Erich Mayh (1891-1976) war ein Gärtner – kein Unternehmer im heutigen Sinne – also mehr ein Idealist, der sich seinen Leidenschaften für exotische Pflanzen und Tiere verschrieben hatte.
In den 50 er Jahren des vergangenen Jahrhunderts war seine Gärtnerei in Löbau nicht nur ein Anziehungspunkt für Pflanzenfreunde oder die gemeine Kundschaft, sondern auch für Kinder und ganze Schulklassen.
Mir gelang es, mit Hilfe des Leiters des Stadtarchivs Löbau, Verbindung zu seinen Nachkommen aufzunehmen. Seine Enkelin, Frau Grothum, war gern bereit, mir behilflich zu sein, und Bilder und Auskünfte für diese Veröffentlichung beizusteuern. Ihr sei für ihre Mühen herzlich gedankt.
Oswald Erich Mayh baute eine Gärtnerei auf, die Abwärme zur Heizung seiner Gewächshäuser einsetzte bzw. verwendete. Für Ausfallzeiten stand eine alte Kohleheizung zur Verfügung. Die technische Substanz entsprach dem damaligen Stand der Technik – also, so schlecht war sie nicht.
Ende der 50er Jahre kam in seiner Gärtnerei auch noch die Produktion von Wasserpflanzen dazu, die er republikweit verkauft hat.
Sein Herz hatte er aber auch an Tiere verloren. Er hielt unterschiedliche Papageien, eine Dohle, mehrere Rhesusaffen und andere Tiere.
Mit Freude öffnete er seine Gärtnerei für Kinder und ganze Schulklassen. Gern kamen die Kinder zu ihm, einen kinderlieben Menschen, denn dann gab es die Affenfütterung – eine Spektakel für die Kinder.
In dem kalten Winter 72/73 kam es durch Heizungsausfall in dem energieliefernden Betrieb zum Totalausfall der Heizungsversorgung der Gärtnerei. Das war das Ende. Die Gärtnerei fror ein. Seine Nachkommen meinen, dass das sein Ableben im Jahre 1976 befördert hat.
Außer diesen wenigen Bildern und Erinnerungen gibt es nichts Substanzielles mehr. Die Gärtnerei befand sich in einer landschaftlich-, klimatisch- und städtischen- mehr als schönen Lage in Löbau, eine Stadt des Sechs-Städte-Bundes in der Oberlausitz, am Fuße des Löbauer Berges. W.S. 07/06
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