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Deutsche Gärtner im zar. Rußland

In der Gartenflora von 1934 schrieb
G.Kuphaldt, Gartendirektor a.D., Steglitz:

 Deutsche Gärtner im zaristischen Russland

     Erst mit dem großen Reformator Peter dem Großen (1689 bis 1725) kommt die gärtnerische Entwicklung Russlands in Fluß, nachdem der vorzeitliche Gartenbau nur in den Städten, die mit der Hansa in Verbindung standen, ein bescheidenes Dasein gefristet hatte. Unter Peter I. und Katharina II. entstanden die zahlreichen Kaiserschlösser in St. Petersburg, Moskau und in den Provinzen mit ihren prunkhaften Gärten. Dem Beispiel des Herrscherhauses folgten die Großen des Landes, der Adel und die reiche Kaufmannschaft, die infolge der innigen politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland und dem Zarenreich zahlreiche deutsche Gärtner unter verlockenden Angeboten ins Land zogen. Um die Mitte des vorige Jahrhunderts gab es keine größere Gutsgärtnerei in den baltischen Provinzen, keinen bedeutenden Garten  im Inneren des Reiches, dem nicht ein deutscher Gärtner vorstand.

Noch zu meiner Lehrzeit, 1870-72 in der großherzoglichen Schlossgärtnerei in Eutin, galt es als eine feststehende Regel für den vorwärtsstrebenden Gärtner, sich nach gründlicher Erlernung seines Berufes ein gesichertes Fortkommen in Russland zu suchen. So sind im Laufe der Zeit hundert und aberhundert deutsche Gärtner ins Russische Reich gewandert, von denen eine große Zahl, die tüchtige Fachkenntnisse mitbrachte und Liebe zum Beruf besaß, sich durch Fleiß und Arbeit nach Erlernung der russischen Sprache zu hohen Stellungen in den Gebieten des Gartenbaues, zu Gutsverwaltern, Oberförstern, Verwaltungsbeamten, für die nur gewissenhafte Persönlichkeiten gebraucht werden konnte, emporgearbeitet hatte.

Fast 200 Jahre ist Russland das Dorado für deutsche Gärtner gewesen, in dem sie sichum so wohler fühlten, als der Russe bei seiner breiten Naturveranlagung die Gastfreundschaft  in einer Weise auszudrücken verstand, die jeden Fremdstämmigen in ihren Bann zog. Das unermeßlich große Reich bot Raum für jeden Mann, ohne die Missgunst unfreundlicher Nachbarn wachzurufen, und da war der Schritt zur Selbständigmachung für die eingewanderten Fachgenossen nur ein kurzer.

Fast alle großen Handelsgärtnereien und Baumschulen lagen in den Händen eingewanderter Deutscher oder deren Nachkommen. Die ersten gärtnerischen Beamten im Staats-, Stadt- oder Privatbetrieb waren Deutsche, und wenn diese dabei zu hohen Ehren kamen, beim Einziehen eines gewissen Wohlstandes sich behagliche Wohnungen errichteten, Equipagen mit Orlowschen Trabern hielten, große Reisen ins Ausland machten und im Lande selbst mit der Eisenbahn 1. Klasse fuhren, so fand kein Mensch etwas Besonderes darin. Ein jeder gönnte dem anderen das Seine. Bezeichnend für die Bedeutung des deutschen Gärtnerstandes in Russland war die Tatsache, dass die Preisverzeichnisse aller großen Handelsgärtnereien in deutscher Sprache erschienen, und dieser Brauch war mit ein Hauptmittel, dem Gärtnerberuf den deutschen Charakter zu wahren.  Erst mit der gegen Ende des vorherigen Jahrhunderts einsetzenden deutschfeindlichen Strömung änderte sich das Bild. Die Handelsgärtnereien gingen zur Einführung doppelsprachiger  Preisverzeichnisse über, und die deutschen Gärtner auf dem Lande wurden in ihrer Vormachtstellung stark durch die mit einem bescheideneren  Einkommen zufriedenen  lettischen, estnischen und tschechischen Gärtner bedrängt. Selbst die baltischen Großgrundbesitzer haben wenig getan, um diesen Wechsel im Bestand des Gärtnertums Einhalt zu tun.
W.S. 08/06
Fortsetzung folgt

Zur Ehre des Herrscherhauses, der Großfürsten und Großfürstinnen sei es gesagt: Die Träger des Zarenreiches haben ihren deutschen gärtnerischen Beamten die Treue bis zum Ausbruch des Krieges gewahrt und als leidenschaftliche Garten- und Blumenfreunde die Freuden und Leiden ihrer Hofgärtner in stetem Kampf mit den vielfach ungünstigen klimatischen Verhältnissen zu teilen gewußt. Der Krieg hat auch hierin alte Traditionen über den Haufen geworfen: Die Vorkriegszeit mit ihren herrschenden Klassen und der bevorzugten  Stellung  deutscher Gärtner in Rußland ist dahin, und wird voraussichtlich  in der alten Form nicht wiederkehren. Wenn ich deshalb die Namen der führenden Gärtner in Rußland aus den Friedensjahren hier anführe, so geschieht es, um sie der Vergessenheit zu entreißen und ihnen an dieser Stelle für die Hochhaltung ihres Berufs, für ihr Festhalten an Sprache und Sitten, für ihr Wirken als Pioniere des Deutschtums ein bescheidenes Denkmal zu setzen.
Viele Jahre war es ein feststehender Brauch der Romanows, nach Herrscherinnen und Großfürstinnen Umschau in regierenden deutschen Fürstengeschlechtern zu halten, und da machte es sich fast von selbst, dass die zu großer Macht gelangten deutschen Prinzesinnen ihnen von Jugend an bekannte tüchtige gärtnerische Fachleute nach sich zogen. So berief Katherina II. die deutschen Gärtner Busch, Piper und Manners, um den landschaftlichen Gartenstil in Zarskoje-Selo einzuführen, und den in Berlin geborenen Önologen* und regsamen Gelehrten Simon Pallas, um den Weinbau in der Krim zu organisieren. Die geistreiche Großfürstin Helene ernannte den im Jahre 1809 zu Potsdam geborenen Gärtner Meister zum Gartenintendanten von Oranienbau, Rouvel, geboren 1815 in Burg, war Hofgärtner in St. Petersburg, und Groebenschütz, geboren 1812, wurde Gartendirektor der Fürstin Stourza in Odessa. Der von Peter dem Großen begründete Kaiserliche Garten in Riga wurde im Jahre 1722 dem Gärtner Michael Schindler aus Mähren unterstellt. Von letzterem besaß ich noch seinen auf Pergament in Farben geschriebenen und mit allen möglichen Buchstabenschnörkeln versehenen Lehrbrief, der jetzt im Besitz der Verbindung “Burschentag” in Steglitz ist. Auf dem Gut des Grafen Uwarow in Poretsche (Gouvernement Moskau) wirkte viele Jahre der Deutsche Tittelbach, dem wir als eifrigen Dendrologen eine interessante Picea-excelsa-Varietät danken, die mit ihren langen gertenartigen, wenig verästelten Ästen eine Übergangsform zu den Trauerfichten bildet; sie ist unter den Namen Picea excelsa Lk. var. Uwarowii von Kaufmann beschrieben und in der ”Gartenflora” 1873 Seite 177 abgebildet.
W.S. 08/06                                                  
* Oenologie - Lehre von der Kellerwirtschafts des Weines
Fortsetzung folgt

 

 

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